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            Große Ehre : Rheinlantaler

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Karl Pütz und ich wurden am 19.September mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnet, weil wir in den drei Büchern " Früher war alles viel besser..." die Erinnerung an die Nachkriegszeit wachhalten. Wir belassen es aber nicht dabei, sondern erinnern uns in Seniorenveranstaltungen ehrenamtlich anhand von über 200 Fotos aus dieser Zeit zusammen mit den Senioren an diese entbehrungsreiche Zeit.  

Wir nehmen dafür kein Honorar, sondern bitten allenfalls um eine Spende für z.B. den Kinderschutzbund.

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Terminabsprachen : jostiel@t-online.de

 

 

 

 

 

 

 

 

TEXT ÜBER DEN WAHNSINN DES KRIEGES

DANZIG ENDE MÄRZ 1945

 

Prolog

 

Im Westen standen die Alliierten Anfang März 1945 am Rhein. Im Osten stießen die russischen Verbände zur gleichen Zeit in breiter Front nach Westen vor. Für sie war es zur Sicherung ihres Vormarsches unabdingbar, Gotenhafen und Danzig einzunehmen, um den über diese beiden Häfen herbeigeführten deutschen Nachschub an Soldaten und Kriegsmaterial zu unterbinden. Dieses Ziel sollte bis Ende März erreicht werden. Der deutsche Verteidigungsring um die beiden Städte war in einem weiten Bogen gespannt. Mit nur begrenzt zur Verfügung stehenden Kräften versuchte die Führung der 2. Armee flexibel auf die russischen Vorstöße zu reagieren . Durch das Herbeiführen frischer kampferprobter Verbände konnten die russischen Angreifer in der Tucheler Heide noch einmal in für beide Seiten verlustreiche Kämpfe verwickelt werden. Der deutsche Verteidigungsring wurde jedoch immer enger. Mitte März waren die Reste der 2.Armee bis an die Stadtgrenzen von Gotenhafen und Danzig zurückgedrängt worden. In dieser Situation übernahm General von Saucken die Führung der Armee. Die Russen drangen am 23.März bei Zoppot bis an die Ostsee vor. Marschall Rokossowski hatte damit sein erstes Ziel erreicht : der Kessel war geteilt. Angesichts dieser ausweglosen Lage bestand die Strategie von Sauckens darin, die beiden Häfen für den eigenen Nachschub und zum Abtransport von Verwundeten und Flüchtlingen so lange wie möglich offen zu halten, sich nach deren Verlust aber mit dem Rest der Truppe und dem Heer der Flüchtlinge auf die Halbinsel Hela und die Frische Nehrung zurückzuziehen. Marschal Rokossowski wollte sich in Danzig nicht in einen zeit - und kräfteraubenden Häuserkampf verwickeln lassen. Deshalb ließ er am 24.März Flugblätter abwerfen, in denen er die deutschen Soldaten dazu aufrief, sich zu ergeben. Andernfalls werde die Stadt in Brand geschossen. Dies geschah nach Ablauf des Ultimatums am 25. und 26.März.

 

 25.März ( abends)

 

Mir geht der Arsch auf Grundeis, dachte der Soldat, jetzt geht es ans Eingemachte. Und gleichzeitig kam ein anderer Gedanke in ihm hoch, der ihn schon seit Tagen beschäftigte : ob ich diese Scheiße hier wohl überlebe ? Werde ich meinen 30.Geburtstag noch erreichen ( sein Geburtstag war der 14.April ) und werde ich meine Frau und die Kinder jemals wiedersehen ? Er war von Anfang an dabei gewesen in diesem Krieg, der hier begonnen hatte , in dem er zweimal verwundet worden war und in dem er viele brenzlige Situationen überstanden hatte. Das hier aber übertraf alles andere. Sie standen mit dem Rücken zur Wand und es schien keinen Ausweg für sie zu geben.

 

Was sie mit aller Kraft hatten verhindern wollen - sie hatten es nicht geschafft. Der Russe war vorgestern bis zur Ostsee vorgestoßen und hatte am Vortag Zoppot eingenommen. Dadurch war ein Keil zwischen die Kameraden vor Gotenhafen und sie hier am Rande von Danzig getrieben worden. Und nachdem das Ultimatum verstrichen war, mit dem der russische Marschall Rokossowski

sie zur Aufgabe aufgefordert hatte, begann am Nachmittag das anhaltende und zermürbende Bombardement auf Danzig. Die Stadt brannte lichterloh.

Am Morgen hatten sie noch die Panzergrabenstellung östlich von Oliva gehalten, waren aber im Verlauf des Tages auf die Bahndammstellung der Karthäuser Bahn zurückgedrängt worden. Zur Zeit herrschte in ihrem Abschnitt relative Ruhe, während ansonsten von überall her Geschützdonner und Gewehrsalven zu hören waren. Das ist nur die Ruhe vor dem Sturm, dachte der Soldat. In der Nacht sammeln die Russen ihre Kräfte , um uns im Morgengrauen mit aller Stärke anzugreifen. Sie wussten vermutlich aus abgehörten Funksprüchen , dass die noch verbliebenen Truppenreste sich in hinhaltenden Kämpfen über die Weichsel zurückziehen sollten, um sich im Raum Heubude zu sammeln und neu zu formieren.

Unsere Lage ist total beschissen, dachte der Soldat weiter. Rechts und links von uns fallen die Kameraden wie die Fliegen, Verwundete können nur noch selten geborgen werden, unsere Munition wird immer knapper und warmes Essen gibt es schon seit Tagen nicht mehr. Die Nachrichtenverbindung entlang der Kampflinie ist miserabel, im Grunde genommen sind wir ganz auf uns allein gestellt. Nur unser Instinkt hält uns noch am Leben und die Hoffnung, den morgigen Tag irgendwie zu überstehen. Eigentlich ist es ein aussichtsloser Kampf, dachte der Soldat. Aber wenn ich an die vielen Menschen denke, die dadurch, dass wir unsere Stellung halten, Richtung Nehrung fliehen können , dann weiß ich, dass es des Soldaten Pflicht ist, nicht nur um das eigene Überleben zu kämpfen, sondern auch um die Rettung von Tausenden von Frauen, Kindern und alten Menschen, die in heilloser Flucht die Heimat verlassen haben. Und er sich erinnerte sich daran, wovon die Flüchtlinge berichtet hatten: von Drangsalierungen durch die Russen, von Erschießungen, von Vergewaltigungen. Sich einem solchen Gegner zu ergeben, kam nicht in Frage. Bevor der Soldat vor Erschöpfung und Ermüdung in eine Art Dämmerzustand verfiel, betete er, wie er es sich in den letzten Wochen angewöhnt hatte: lieber Gott, betete er, ich danke dir dafür, dass ich diesen Tag überlebt habe. Halte auch in dieser Nacht und erst recht morgen deine schützende Hand über mich. Heilige Maria, Mutter Gottes, beschütze auch du mich . Und beschütze auch meine Frau und meine Kinder.

 

27.März ( abends)

 

Gott sei Dank ! Zunächst einmal raus aus der Kampfzone, freute sich der Soldat. Er hatte zu dem Teil der 389.Infanteriedivision gehört, der aus der Hauptkampflinie über die Weichsel in den Raum Heubude zurückbefohlen worden war. Hier sollte die Truppe neu organisiert werden, um den restlichen noch im Abwehrkampf stehenden Einheiten Schutz zu gewähren, wenn der Russe sie bis an die Weichsel  zurückdrängen und sie das diesseitige Ufer erreichen würden. Hinter der Bahnlinie, die zur Westernplatte führte, bauten sie Stellungen aus und verlegten Kabel, um die Nachrichtenverbindung entlang der neuen Hauptkampflinie zu gewährleisten. Sollte die Verbindung der Truppenteile unterbrochen werden, würde sie durch Kradmelder aufrecht erhalten. Den Russen mit einer noch einmal geschlossenen Kampflinie so lange wie möglich aufzuhalten, das war aktuell ihr erklärtes Ziel.

Bis auf gelegentliche Fliegerangriffe war es relativ ruhig. Sollte es jedoch den nachrückenden Russen gelingen, die Weichsel zu überschreiten, würde auch hier wieder die Hölle losbrechen. Denn ihr Rückzug hierher war in der Tat die Hölle gewesen. Nicht nur wegen der Feuerbrände, die durch die Straßen von Danzig tobten, nicht nur wegen des völligen Durcheinanders von in panischer Angst fliehenden Menschen , nicht nur wegen der heftigen Kampfhandlungen und Bombardements. Was ich darüber hinaus gesehen habe, dachte der Soldat , hat mich zutiefst erschüttert und die Bilder lassen mich auch jetzt noch nicht los. Ich habe ja schon einiges an Grausamkeiten mitbekommen in diesem verdammten Krieg. Aber was ich gestern an der Olivaer Allee gesehen habe, war für mich bis dahin unvorstellbar. An den Alleebäumen haben die Feldpolizei und SS-Leute alle diejenigen aufgehängt, bei denen sie Fahnenflucht oder Sabotage vermuteten: Soldaten - darunter auch welche mit EK I oder EK II – dann alte Männer, die sich der Einreihung in den Volkssturm widersetzt hatten und sogar junge Mädchen, die versucht hatten, sich der Einreihung in den Sanitätsdienst zu entziehen. Zur Abschreckung hatten die Gehenkten Schilder um den Hals mit Aufschriften wie „ Dauerversprengter“ , „Fahnenflüchtiger“ , „Volksverräter“ oder „ Saboteur“. 

 

Dieser Krieg gerät völlig aus dem Ruder, dachte der Soldat. Kinder und alte Männer ohne jede Kampferfahrung werden als Volkssturmaufgebot bewaffnet und in die Truppe eingereiht. Nicht einmal uniformiert sollen sie mit Panzerfäusten, Gewehren und Pistolen bewaffnet oder als Infanterie- oder Flakhelfer unsere Reihen verstärken. Sie sind aber keine Hilfe für uns, sondern eine große Gefahr, weil sie den Geschosshagel nicht aushalten und weil die Russen sie als Partisanen ansehen und umso erbitterter und rücksichtsloser vorgehen, wenn sie durch bewaffnete Zivilisten Verluste erleiden.

Mit Verbitterung dachte der Soldat an eine Unterredung, die er deswegen mit einem blutjungen Leutnant hatte, der seit zwei Tagen die Kompanie befehligte.

 

In unserer Situation können wir uns keine Gefühlsduseleien leisten, hatte er gesagt. Hier geht es schließlich ums Ganze. Entweder wir bestehen den Kampf , oder wir gehen alle vor die Hunde, wir Soldaten wie auch alle Flüchtlinge. Wer in dieser Situation nicht mit uns ist, der ist gegen uns. So einfach ist das. Und deswegen darf es kein Pardon geben mit Volksverrätern und Feiglingen. Und jeder soll wissen und sehen, was mit denen geschieht, die unseren Kampf nicht ohne Wenn und Aber unterstützen. Wenn wir nicht entschlossen gegen jedwede Form von Sabotage vorgehen, fliegt uns der ganze Laden um die Ohren!  

 

29.März ( nachmittags)

 

Der Soldat wusste : wenn die Kampflinie an der Bahnlinie nicht gehalten werden konnte, sollten sie sich in hinhaltenden Kämpfen Richtung Heubude zurückziehen. Der Ort sollte so lange wie möglich gehalten werden , um von dort den eigenen Rückzug über den Weichseldurchbruch zu sichern , nachdem es in der Zwischenzeit gelungen war , die letzten Flüchtlinge ans andere Ufer zu bringen. Der Russe würde ihnen wahrscheinlich nicht hinter den Weichseldurchbruch folgen, weil diese Operation für ihn gefährlich und sehr  verlustreich sein würde. Er würde sich sehr wahrscheinlich damit begnügen, dass sie auf der Nehrung isoliert waren und keine Gefahr mehr für ihn darstellten. Morgen ist Karfreitag, dachte der Soldat. Wird es ein  Ostern für uns geben ?

 

30.März ( abends)

 

Der Tag war weitgehend ruhig gewesen, abgesehen davon, dass sich - wie auch gestern schon - immer mehr Kameraden aus der Kampfzone hinter den Bahndamm zurückgezogen hatten. Verwundete wurden rückwärts verbracht, die anderen bezogen Stellungen entlang der Bahnlinie. Sie hatten berichtet, dass der Russe dabei sei, seine Kräfte zu massieren. In der Nacht oder am Morgen müsse auf breiter Front mit seinem Angriff gerechnet werden.

Ich habe kein gutes Gefühl , dachte der Soldat. Wir werden unsere Stellungen hier entlang der Bahnlinie kaum halten können. Unsere Kräfte sind einfach zu schwach. Es fehlt an Waffen, Munition, an allem. Die Kameraden, die es bis hierhin geschafft hatten, waren völlig entkräftet und vom mörderischen Einsatz

zermürbt. Wenn uns der Russe hier überrollt, können wir den vorgesehenen geordneten Rückzug vergessen. Wer in dem abzusehenden heillosen Durcheinander die rückwärtigen Stellungen bei Heubude erreicht, kann sich glücklich schätzen. Wenn es dem Russen nämlich gelingt, die Westernplatte zu erstürmen, wird er die Küste entlang auf Heubude vorstoßen. Dann aber gnade uns Gott.

 

Es war jedoch nicht nur die Angst vor dem morgigen Tag, die den Soldaten bedrückte. Was ihn regelrecht mutlos machte, war ein weiteres Gespräch, das er am Morgen mit dem jungen Leutnant geführt hatte. Wir wissen, hatte dieser gesagt, dass von Saucken den Krieg für verloren hält und nur noch ein Ziel hat: euch auf die Nehrung zu bringen, dort die Kapitulation abzuwarten, sich zu ergeben  und in russische Kriegsgefangenschaft zu gehen. Das aber werden wir nicht zulassen. Wenn der Rückzug hinter den Weichseldurchbruch gelungen ist, werden wir das Kommando übernehmen und von Schiewenhorst aus so viele Kameraden wie möglich mit Sybelfähren und Fischerbooten nach Hela und von dort nach Bornholm bringen. Neue Einheiten werden hier zusammengestellt und an die Oderfront gebracht. Dort werden wir den russischen Vorstoß endgültig stoppen. Für unseren abendländischen Abwehrkampf gegen den Bolschewismus brauchen wir jeden Mann. Wenn es uns nämlich nicht gelingt, die barbarischen Horden aufzuhalten, werden diese unser Vaterland überfluten. Und was sie dann unseren ungeschützten Frauen und Kindern antun werden, wissen wir ja zur Genüge. Wir kämpfen hier und heute also nicht nur um das eigene Überleben. Wir müssen immer das große Ganze im Auge behalten, was bedeutet, dass unser Kampf noch lange nicht zu Ende ist, sondern solange weitergeht, bis wir die rote Flut gestoppt haben.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, dachte der Soldat, wenn er sich an diese Worte erinnerte. Sie hatten in den vergangenen Tagen immer ein nahes Ende der Kampfhandlungen im Blick gehabt, hatten mit jedem Tag , den sie überstanden hatten, darauf gehofft, dass der Rückzug gelingen und dass sie das Ende des Krieges lebend erreichen könnten. Was danach geschehen würde, stand in den Sternen. Im günstigsten Falle würde ihnen die Flucht über die Ostsee gelingen, an deren Ende dann die Gefangenschaft bei den westlichen Alliierten stehen könnte. Andernfalls erwartete sie hier der Gang in russische Gefangenschaft .

So oder so, Hauptsache war, sie hätten den Krieg überlebt mit der Möglichkeit, eines Tages vielleicht nach Hause zurückzukommen, zurück zur Frau und zu den Kindern.

 

31.März ( später Nachmittag)

 

Die Frau. Die Kinder. Ich muss das hier durchstehen, sagte sich der Soldat immer wieder. Ich will am Leben bleiben, ich will sie wiedersehen !

Am Morgen war der Russe wie von ihnen erwartet in breiter Front nach vorne gestürmt. Die Hauptkampflinie hatte drei Angriffswellen abwehren können. Mit den Granaten aus den verbliebenen Panzern und mit massivem Maschinengewehrfeuer hatten sie den Gegner auf Distanz gehalten. Ein übriges taten die rückwärts postierten drei Flakbatterien, die jeden russischen Panzer, der sich aus der Deckung wagte,

sofort in Stücke schossen. Als sich am Mittag jedoch entlang der Frontlinie

 die Nachricht verbreitete, dass der Russe die Westernplatte erobert hatte , musste die Frontlinie zurückgenommen werden. Zu groß war nun die Gefahr, dass ihre Front von der Küstenseite her aufgerollt werden würde. Ihr Rückzug führte zu starken Verlusten. Die nachrückenden Rotarmisten belegten sie mit massivem Geschosshagel , der seine Wirkung nicht verfehlte. Am frühen Nachmittag gelang es ihnen noch einmal eine Frontlinie zu bilden, deren Feuer den Feind verübergehend auf Distanz hielt. Doch es war abzusehen, dass dieser sie mit nachrückender Verstärkung zeitnah weiter Richtung Heubude zurückdrängen würde.

Die Frau. Die Kinder. dachte der Soldat erneut. Der letzte Brief datierte vom 1.März. Als er ihn erhalten hatte, standen sie 20 km vor Danzig und hofften zuversichtlich auf die zugesagte Verstärkung. Doch diese blieb aus, obwohl die Häfen von Danzig und Gotenhafen noch offen waren und Waffen und Munition hätten herbeigeführt werden können. Seitdem hatten sie sich ständig im Rückzug befunden.

Die Frau. Die Kinder. Wie mag es ihnen ergehen, dachte er weiter, den Blick immer nach vorne gerichtet, von wo der nächste Ansturm der Russen jeden Augenblick erfolgen konnte. Er wusste seine Familie im Harz in Sicherheit. Aus seiner Heimat im Westen Deutschlands waren sie dorthin evakuiert worden, weil auch der Westen jetzt Kriegsgebiet war. Sein Urlaubsgesuch, sie im Harz zu besuchen, war zunächst genehmigt, dann aber verworfen worden. Damals war er noch in Kurland stationiert. Ende Januar aber waren sie von dort in die Tucheler Heide verlegt worden, um den Abwehrring um Danzig und Gotenhafen zu verstärken.

Wenn wir es bis Heubude schaffen, überlegte der Soldat, habe ich einen weiteren Tag überlebt. Denn bei Nacht flauten die Kampfhandlungen normalerweise ab, weil auch der Gegner im für ihn unbekannten Gelände das Risiko klein halten wollte.

Was dem Soldaten aufgefallen war, hatte inzwischen auch der Leutnant bemerkt. Von der Flakbatterie, die vor ihnen auf freiem Feld nahe Gut Rieselfeld positioniert war, kam schon seit geraumer Zeit kein Feuer mehr.

Hatten sie zunächst angenommen, die Feuerpause haben ihren Grund darin,

dass auf russischer Seite keine Feindbewegung erfolgte, wurden sie eines Schlechteren belehrt. Von dort aufflammendes Geschützfeuer blieb ohne Erwiderung . Sie selbst gingen zunächst in Deckung und feuerten dann zurück, „Die haben keine Munition mehr und sind ohne Funkverbindung „, rief der Soldat, “die sollen die Stellung verlassen und sich zurückziehen, sonst werden sie in Klumpen geschossen“. „ Sie haben immerhin noch ein MG und ausreichend Munition“ , rief der Leutnant zurück .“Also müssen sie die Stellung halten und bis zur letzten Patrone kämpfen. Jeder Russe, den sie da vorne umlegen, ist es wert“. „Sie haben zwei fünfzehnjährige Burschen als Helfer dabei. Allein deswegen sollten wir versuchen, sie da rauszuholen“, erwiderte der Soldat.

„ Keine Chance“, schrie der Leutnant,“ oder willst du etwa ohne Deckung mit dem Krad rüberfahren, um ihnen zu sagen, dass sie sich verpissen können?“

„Wenn ich Feuerschutz bekomme, mache ich es“, sagte der Soldat. Und mit Feuerschutz können sie es bis hier schaffen, es sind nicht einmal 300 Meter!“

„Vergiss es!“, rief der Leutnant, ich werde nicht unnötig auch nur einen Schuss darauf verwenden“. Stille ringsum. Niemand ergriff Partei, weder für den Soldaten noch für den Leutnant. „ Ich versuche es!“ rief der Soldat, sprang auf , startete die Maschine und raste los. Ich kann doch nicht tatenlos zusehen, wie sie zusammengeschossen werden, dachte er und raste mit Vollgas auf die Flakstellung zu .Auf halbem Wege sah er, wie jemand in der Stellung einen Stock mit einem weißen Tuch daran Richtung der russischen Angreifer schwenkte. „ Scheiße“, dachte er,“ die Idioten wollen sich ja ergeben!“. Gedankenschnell änderte er seine Richtung und lenkte das Krad Richtung Dünenwald, um dort Deckung zu finden. Aus den Augenwinkeln sah er noch,  

wie zwei russische Kampfflugzeuge im Tiefflug auf die Batterie zurasten und sie beschossen. Was ihn selbst jedoch von der Maschine fegte, war die Explosion einer Granate, die aus der eigenen Stellung abgefeuert worden war.

Der Leutnant hatte befohlen, die Verräter da vorne zu exekutieren.

Ich habe immer gemeint, dass Sterben weh tut, dachte der Soldat, doch ich verspüre keinen Schmerz. Er saß auf dem Boden und sah zu, wie dort, wo sein rechtes Bein vom Körper abgetrennt worden war, unaufhaltsam Blut hervorquoll. Sein letzter Gedanke galt seiner Frau und seinen Kindern.“ Gott, beschütze sie“, flüsterte er, bevor er das Bewusstsein verlor und die Seele seinen Körper verließ.

 

Epilog 

 

Früher habe ich immer geschmunzelt, wenn die Großmutter davon sprach, dass die Seelen der Verstorbenen noch eine Zeit lang an den Ort zurückkehren, wo sie den Körper verlassen haben, weil sie Abschied nehmen wollen von ihrem irdischen Dasein und weil sie nachschauen wollen, ob ihr Leichnam ordentlich begraben wurde.

 

Der Ort, den ich drei Tage nach meinem Tod überblicke, ist ein trostloser Ort.

Er liegt verlassen da und ist übersät mit Bombentrichtern, überall liegt zerstörtes Kriegsgerät herum und dazwischen Tierkadaver, vornehmlich von Pferden, und Hunderte von gefallenen Kameraden. Auch mein ausgebluteter Leichnam liegt dort, daneben steckt mein Krad aufrecht im Schlamm, so, als brauche man nur aufzusitzen und loszufahren. Die Russen haben ihre Toten geborgen. Sie folgten den Deutschen Richtung Weichseldurchbruch und Nehrung. Dort gibt es kaum noch Kampfhandlungen. Unsere Soldaten halten die Russen auf Distanz, diesen genügt es, den Rest dieser deutschen Armee im Schach zu halten.

 

Heute, zwei Wochen später, befinden sich Menschen auf dem Schauplatz der Schlacht, in der ich mein Leben verloren habe. Russische Soldaten beaufsichtigen polnische Frauen, alte Männer und Heranwachsende, deren Aufgabe es ist, die herumliegenden Tierkadaver und die Leichen der toten Soldaten in die Bombentrichter zu bringen. Da der Winter noch einmal mit Frost zurückkehrte, ist deren Verwesung noch nicht weit fortgeschritten. Langsam füllen sich die Löcher mit den Leibern der gefallenen Kameraden. Auch meine sterblichen Überreste finden so ihre letzte Ruhe. Zum Schluss wird alles mit Sand bedeckt, den sie auf Pferdefuhrwerken aus den nahen Dünen herankarren.

 

Wir müssen immer das Große Ganze im Auge behalten, hatte der Leutnant gesagt und rechtfertigte mit diesen Worten doch nur die eigene beschränkte Sicht. Das Große Ganze sehe ich nun in einem ganz anderen Licht. Ich weiß jetzt, dass wir Deutschen diesen mörderischen Krieg vom Zaun gebrochen haben, dem Abertausende von Menschen zum Opfer gefallen sind und der noch immer andauert. Ich weiß jetzt, dass im Namen des deutschen Volkes aus rassistischer Überhebung furchtbare Verbrechen begangen wurden, millionenfacher Völkermord nicht nur an Juden, Sinti und Roma, sondern auch an der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten. Ich weiß jetzt, dass der Hass, den wir dadurch bei den Unterdrückten erzeugt haben, sich nun in gewalttätigen Gegenreaktionen entlädt. So gebiert jeder Krieg immer neue grausame Taten und es ist kein Ende in Sicht. Wir können diesem Tun nicht Einhalt gebieten. Es liegt an den Menschen selbst, die Lehren aus dem Ergebnis ihres mörderischen Handelns zu ziehen und sich endlich für Frieden einzusetzen statt für Krieg.

Nun, da meine sterblichen Überreste in der Erde ruhen, will ich meine Energie darauf verwenden, meine Familie, meine Frau und meine Kinder auf ihrem Lebensweg schützend zu begleiten.             

 

               

              

 

 

 

Ein Ort des Gedenkens

Der deutsche Soldatenfriedhof am Olivaer Tor

Angesichts der Gräueltaten von SA,SS, der Feldgendarmerie und deutscher Soldaten an polnischen Kriegsgefangenen und Zivilisten erklärte sich das Bestreben der Polen, nach dem Kriegsende alle deutschen Spuren beseitigen zu wollen. Im Gefolge dieser Bestrebungen wurden auch alle in Danzig aus früherer Zeit vorhandenen deutschen Friedhöfe planiert. Im Zuge der Völkerverständigung ist es dem „Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge“ gelungen, in Abstimmung mit den polnischen Behörden auf dem Friedhof am Olivaer Tor ein Gräberfeld anzulegen, auf dem die Überreste von deutschen Soldaten beerdigt werden können. Dieser Friedhof wurde im Jahre 2000 offiziell eingeweiht.
Auf dem Gräberfeld wurden und werden die Gebeine deutscher Soldaten beerdigt ( identifiziert oder unbekannt), die man gefunden hat und zukünftig noch findet. Tausende in der Schlacht um Danzig   gefallene deutsche Soldaten wurden nämlich nicht ordnungsgemäß beerdigt, sondern lediglich in Schützengräbern und Bombentrichtern verscharrt und werden heute z.B. bei Bautätigkeiten aufgefunden.